IVD Berlin-Brandenburg e.V.

Gebäude mit Geschichte: Der Lunapark

Auch dieses Mal wollen wir die Definition für “Gebäude” ein wenig dehnen, wenn es die Möglichkeit gibt, hier über ein spannendes Areal der Berliner Geschichte zu berichten, das möglicherweise nur wenigen Berlinern noch ein Begriff ist.

Berlin Lunapark - Luftaufnahme - 8.4.1935

Berlin
Lunapark - Luftaufnahme -
8.4.1935

Der Beginn

Auch wenn Theodor Fontane seinen Kommerzienrat Treibel in dem Roman „Frau Jenny Treibel“ über das Gebiet um den Halensee noch wenig schmeichelhaft verlauten lässt, es sei ein „ein von Spargelbeeten und Eisenbahndämmen durchsetztes Wüstenpanorama“, so lässt er seine Protagonisten doch einkehren im „Wirtshaus am Halensee“, das 1882 von Ökonom Paul Saeger am Ostufer des Halensees eröffnet wurde. 1904 verwandeln Gastronom August Aschinger und Bernd Hoffmann (ehemaliger Küchenchef des Kempinskis) dann das Gelände in die „Terassen am Halensee“ mit Platz für bis zu 10.000 Gäste, die 1909 schließlich in „Lunapark“ umbenannt wurden.

Groß, größer, Berlin

Schnell entwickelt sich der Lunapark (damals „Luna-Park“ geschrieben) zum größten Vergnügungspark Europas – bereits 1910 wurde der einmillionste Besucher gezählt. In Spitzenzeiten zog es 60.000 Besucher täglich in das nach dem Vorbild von Coney Island gestaltete Gelände. Die Eintrittspreise waren gestaffelt: 1910 kostete der Eintritt an normalen Tagen z.B. 50 Pfennige, an „Volkstagen“ nur die Hälfte, an „Elitetagen“ das Doppelte. Der Park war gleichermaßen attraktiv und beliebt bei Menschen aller Schichten und Einkommen. Auf 5,5 Hektar gab es diverse spektakuläre Attraktionen: die größte Wasserrutsche der Welt, ein Wellenbad mit meterhohen Wellen, in dem Männer und Frauen gemeinsam badeten – zum damaligen Zeitpunkt höchst außergewöhnlich; eine „Wackeltreppe“ (die „Shimmy-Treppe“), einen Vorläufer heutiger Autoscooter („Eiserner See“) – und leider auch dem Zeitgeist entsprechende sogenannte „Völkerschauen“: Menschen aus aller Welt wurden nach Europa gebracht, um ihren “exotischen“ Alltag vorzuführen.

Neue Volksbelustigungen im Luna-Park in Berlin des größten Vergnügungs-Parks in Deutschland. Das drehbare Haus eine Hauptattraktion des Luna Parkes.

Neue Volksbelustigungen im Luna-Park in Berlin des größten Vergnügungs-Parks in Deutschland.
Das drehbare Haus eine Hauptattraktion des Luna Parkes.

Damals wie heute – die Anwohner sind nicht begeistert

Die noch ziemlich neuen Autodroschken fuhren zu Hunderten heran und verursachten Lärm und Gestank, dazu kamen die Geräusche aus dem Vergnügungspark – Metallräder ratterten auf Holzschienen, Motoren brummten, Gäste kreischten vor Vergnügen. Es vergingen nur ein paar Tage, bis die Polizei die ersten Beschwerdebriefe von empörten Anwohnern erhielt. Diese reagierte allerdings prompt: Es wurden Lärmschutzwände gebaut und den Besuchern wurde das ausgelassene Kreischen untersagt – was natürlich nicht wirklich funktionierte.
Die Berliner Prominenz hat eine Meinung
Natürlich schrieb auch die Berliner Bohéme über die Attraktion. Abgesehen vom eingangs erwähnten Fontane, schrieb z.B. Maxim Gorki von „albernen Attraktionen“ und „braver deutscher Musik“, Seitltänzerin und Feuerwerk konnten jedoch bei ihm punkten. Heinrich Mann fasste seinen Besuch lapidar in einem kurzen Satz zusammen: „Dank Ironie wird alles erträglich.“

Das Ende

Bereits durch den Besucherrückgang während des ersten Weltkrieges und der Inflationszeit war der Lunapark finanziell arg gebeutelt, weiterhin sind Misswirtschaft und/oder Steuerzahlungen vermutete Gründe dafür, dass der Lunapark im Jahre 1933 schließlich Konkurs anmeldete. Den Nazis war es Recht – sie empfanden den Vergnügungspark eh als “Schandfleck des Westens” und bauten kurzerhand quer durch das Gelände eine Straße, um den Kurfürstendamm im Zuge der Olympischen Spiele 1936 besser an die südlichen Stadtteile, das Messegelände und das Olympische Stadion anzuschließen. 1935 wurde der Park abgerissen.
Tipp für ein kleines Last-Minute-Geschenk
Volker Kutscher hat jüngst seinen neuen Kriminalroman „Lunapark“ veröffentlicht. Der erste Band der Berlin-Kriminalreihe („Der nasse Fisch“) war ein Überraschungshit – die Mischung aus Kriminalhandlung und Sozial- und Milieustudie des Berliner Lebens in den 30er Jahren in den verschiedenen Kiezen kam bei den Leser*innen gut an. Gereon Raths sechster Fall spielt kurz nach der Schließung des Parks 1934, der dem Band den Titel gab.

Quellen:

http://www.kiwi-verlag.de/buch/lunapark/978-3-462-04923-7/

http://www.kudamm-halensee.de/geschichte-von-halensee.php

http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/lunapark-in-berlin-extrem-laut-und-unglaublich-voll/11593380.html

https://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/ueber-den-bezirk/freiflaechen/parks/artikel.296371.php

https://de.wikipedia.org/wiki/Lunapark_(Berlin)

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